Wie Sanftheit zur Lehrerin wird

Wie kann der Alltag leichter werden? Was kann in stressigen Situationen Entspannung bringen? Wodurch kann wahre Selbstliebe wie von selbst entstehen? Für Kundalini Yoga Lehrerin Eva Teja Tschiderer geht der Weg dorthin über eine ganz besondere Qualität: Sanftheit. Hier schreibt sie über die 4 Phasen, durch die mehr Sanftheit in unser Leben kommen kann … 

Sich bei sich selbst geborgen fühlen

Sanftheit – sie ist meine neue Lehrerin geworden. 
Ich übe mich darin, ihr in all meinen Lebensbereichen Vorrang zu lassen. Sie übernimmt die Zügel und führt mich in Alltag und Beruf als hätte sie schon immer darauf gewartet.
Sanfheit offenbart sich mir als eine Mischung aus Entspannung und Selbstliebe, ein Erlauben indem sich das eigene Sein entfalten kann. 

Ich meditiere 108 Mal auf das Wort „Sanftheit“ mit meiner Mala und gehe dabei langsam ins Loslassen über. Ich erlaube mir, dass sich das Wort wie ein Bij-Mantra (Saat-Mantra) in meinem Herzen und Geist ausbreitet und mich weit und weich werden lässt.

Sanftheit übersetze ich mit Entspannen, Loslassen in Liebe, in Selbstliebe. Sanftheit hat zu tun mit sich-bei-sich-selbst-geborgen-fühlen. Mit einem liebevoll Umgang mit sich selbst. Meine Sadhana (spirituelle Praxis) besteht seit neuestem darin, mir selbst mehr Pausen zu erlauben und mich häufiger zu entspannen. Erlauben ist dabei der Schlüssel, den mich die Sanftheit lehrt.

Weich werden in der Anstrengung 

In entspannten Lebenssituationen ist das leicht gesagt. Und auch in kraftaufwändigen, stressigen Momenten, erlaube ich mir Leichtigkeit und Entspannung zu finden. Wenn ich angestrengt vor meinem Computer sitze oder in einer stressigen Alltagssituation bin, erinnert mich die Sanftheit daran, zu atmen. Sie weißt mich darauf hin, meine Gesichtsmuskulatur zu entspannen. Dann merke ich, wie es mir gut tut, mich der Sanftheit hinzugeben. Wie ich mit stressigen Situationen besser und überlegter umgehen kann, wenn ich sie als meine Lehrerin zulasse.

Auch in anstrengenden Asanas frage ich mich, „wie kann ich noch mehr Sanftheit zulassen?“. Wie kann ich immer wieder zu ihr zurückkehren? Habe ich mich unbemerkt wieder einmal angespannt? Kann ich die Gesichtsmuskulatur weich werden lassen, den Kiefer, die Augen – und trotzdem Kraft in meinem Körper spüren?

Fürsorge für das Selbst

Sanftheit geht Hand in Hand mit liebevoller Selbstfürsorge. Wie berühre ich mich selbst, wie gehe ich mit mir um, wie ernähre ich mich? Achte ich auf mich? Gehe ich gut mit mir selbst um? Kann ich eine Weichheit zulassen?

Sanftheit ist meine Lehrerin geworden. Sie hat mich in einen innerlichen Prozess gezogen, um zu einem neuen, sanfteren Menschen zu werden. Ein Prozess des Loslassens, Erdens, Öffnens und Aufblühens. Es hat vier Phasen gebraucht, bis ich auf der anderen Seite gestärkt und trotzdem weicher wieder zu mir zurückgekehrt bin.

4 Phasen zu mehr Sanftheit

1) Loslassen
Ein erster Schritt im Tanz mit der Sanftheit ist das Loslassen. Ich lasse all das los, was mich hart macht – sowohl körperlich als auch seelisch. Ich gebe Glaubensätze ab, die ich bis dahin mit mir herumgetragen habe – zum Beispiel wie ich zu sein hätte oder auszusehen hätte. Es ist ein großes Aufatmen, das dabei durch meinen Körper geht, wenn ich es mir das endlich erlaube, anstatt mich an alten Identitäten festzuklammern. Alle Geschichten, die ich mir über mich selbst erzählt habe, all das übergebe ich der Sanftheit. Durch das Hingeben und das in-die-Anspannung-hinein-entspannen, lösen sich die Dinge ganz von alleine. Mit dem Loslassen wird mir auch klar, wie sehr ich mich selbst ausgebeutet und kritisiert habe. 

2) Erden
Die zweite Phase ist essentiell, um eine neue Basis zu etablieren, auf der die Früchte der Sanftheit wachsen können: das Erden. Es gibt Stabilität und Sicherheit in der neuen Haut. Es ist wie ein Nachhause kommen, der Erde dankbar sein, dass sie mich trägt. 
Gleichzeitig ist es ein Ankommen im eigenen Körper. Durch Asanas und Meditation sinke ich in dieser Phase tiefer in meinen Körper und nehme mich plötzlich neu und anders wahr. Mein Körper fühlt sich weiter und befreiter an, als zuvor. Durch das Loslassen dürfen neue Räume in mir entstehen. Durch das Erden fühle ich mich getragen, verbunden und bereit, für das was noch auf mich zukommt.

3) Stille
Oft glauben wir, ein Prozess ist damit beendet. Wir fühlen uns sicher und neugeboren. Doch die eigentliche Lehre wartet in der dritten Phase: in der Stille. Nun erst ist es mir möglich, mich mehr dem zu öffnen, was auf ganz subtile Weise mit mir kommuniziert. Wenn Sanftheit beginnt, dein Leben zu lenken, nimmst du Situationen und Menschen empathisch und verbunden wahr. Durch das Öffnen kann ich meiner Seele mehr Raum geben und wahrnehmen, was wirklich ist. Jetzt ist die Zeit gekommen, Stille zu praktizieren. Zum Beispiel, indem ich einen ganzen Tag in Stille bin. Um zu Schweigen und zu Lauschen. Denn durch das Schweigen öffnen sich subtilere Tore und das Hören nach innen wird leichter.

4) Aufblühen
Nur so, kann ich die vierte Phase betreten: Aufblühen. Denn in der Stille werden oft Geschenke und Einsichten offenbart, die einen neuen Blickwinkel auf Dinge schenken. Es ist die Zeit des Aufblühens, in der ich mich – in derselben Welt – wie neu geboren fühle. Eine weitere Transformation hat ihren Zyklus vollendet. Und ich bin ein sanfterer Mensch geworden.

Women’s Summer Retreat – ein Weg zur Sanftheit

Den Prozess der Sanftheit möchte ich gemeinsam mit dir und anderen Frauen bei meinem Frauenretreat im Südburgenland diesen Juli 2019 erforschen. 

Dieser Beitrag wurde für Yoga.Zeit Österreich geschrieben und dort am 06.05.19 veröffentlicht.